Institut für Angewandtes Nichtwissen e.V.


 

Vortrag auf der Sommer-Universität in Koblenz

am 05.07.2000 16-18 Uhr

in Raum B 114

Leitung: Prof. Dr. Rudolf Lüthe

Vortragende: Dr. Bernd Roland Elsner, Dr. Hagen Bobzin, Dr. Andreas Wagener, Dr. Michael Gail, Dr. Claudia Althaus (letztere nur virtuell anwesend)

Die Kunst des Angewandten Nichtwissens

Ankündigungstext

Unter Angewandtem Nichtwissen versteht man den Umgang mit nicht objektivierbaren, aber dennoch nicht beliebigen Begriffen und Vorstellungen. Das - in einer Vielzahl von Fällen überraschend hilfreiche - Konzept des Angewandten Nichtwissens weist zunächst zahlreiche unmittelbar alltagsweltliche Bezüge auf, etwa beim Kochen, Einkaufen oder Flirten. Löst man sich schrittweise vom konkreten Einzelfall, so erkennt man schnell, dass unser Umgang mit abstrakten Begriffen wie z.B. Geschmack, Geld oder Liebe meist eine Form Angewandten Nichtwissens ist. Und treibt man es auf die Spitze, dann kann Angewandtes Nichtwissen sogar als eine Denk- und Lebensweise verstanden werden: Die Beschäftigung mit Angewandtem Nichtwissen eröffnet eine skeptische Sicht auf die Welt, je nach momentaner Verfassung des Angewandt-Nichtwissenden manchmal gepaart mit einem Spritzer Ironie, manchmal mit einem Schuss Melancholie.

Profanen ebenso wie den letzten Dingen nicht aus dem Wege gehend, laviert dieser Vortrag beständig zwischen hausbackener Bodenständigkeit und den himmlischen Sphären. Er illustriert und erläutert die vielfältigen Facetten Angewandten Nichtwissens an beliebig gewählten Beispielen. Ziel ist daher nicht eine blosse Neusortierung der Welt in solche Dinge, die etwas mit Angewandtem Nichtwissen zu tun haben, und einen eher exotischen Rest ohne derartige Bezüge. Wir werden vielmehr aufzeigen, dass und wie das Konzept des Angewandten Nichtwissens in vielen Bereichen tatsächlich produktiv ein- und umgesetzt werden kann. Vorsichtsregeln, Inkrementalismus, die Inkaufnahme von Widersprüchen oder das bewusste Offenlassen strittiger Fragen sind nicht nur naheliegende Strategien des Angewandten Nichtwissens; sie sind der Orthodoxie von der Auflösbarkeit jeder Frage sogar vielfach überlegen - beim Kochen, beim Geld und auch in der Liebe.

 

Einführung durch einen Beitrag von Rudolf Lüthe

Einleitung

In unserer Ankündigung für diesen Vortrag, an die wir uns hier ansonsten nicht halten wollen, hatten wir geschrieben, dass wir heute immer irgendwo zwischen hausbackener Bodenständigkeit und den himmlischen Sphären lavieren werden. Dies wahr zu machen ist nicht allzu schwer: Wo will man auch sonst herumlavieren als zwischen diesen beiden Extremen? Aber ein wenig mehr an Struktur haben wir natürlich schon zu bieten. Wählt man die himmlischen Sphären sozusagen als einen natürlichen Startpunkt, so lässt sich der Verlauf unseres heutigen - ansonsten recht bunt zusammengewürfelten - Vortrags zumindest tendentiell ganz gut beschreiben - als ein Abstieg in vier Stationen.

Natürlich ist unsere Vorstellung von einem Himmel dabei nicht religiöser Natur, sondern bezieht sich vielmehr auf die Erkenntnissituation. Und die aus epistemischer Sicht himmlische Ordnung finden wir dort, wo uns die erste Station hinführen wird: Mit einem Text über "Knoten" verbringt uns Hagen_Bobzin in die kristallenen Sphären der Mathematik und der zweiwertigen Logik, wo die Glasperlen nur so glitzern, alle Begriffe klar umrissen sind, wo platonischer Idealismus in Reinstkultur auftritt - und wo es dennoch so etwas gibt wie Nichtwissen. Dieses Nichtwissen ist aber einzig und "nur" eine Herausforderung an den logischen Intellekt ist. Erstaunlich hierbei ist, dass die volle Kapazität des logischen Denkvermögens ganzer Generationen von cleveren Mathematikern gefordert war und ist, um Probleme zu lösen, deren Formulierung sie als ausgesprochen trivial und simpel erscheinen lässt. Doch wie so oft: Der Schein trügt - und selbst himmlische Sphären haben ihre Tücken.

Mit dem Erreichen der zweiten Station scheint dann schon der absolute Tiefpunkt erreicht (und diese Vorankündigung Lügen gestraft) zu sein. Andreas_Wagener wird von der "Unausweichlichkeit von Widersprüchen" erzählen, aber es geht zunächst um Steuern und Pornographie, was beides ja den eher sumpfigen Niederungen des Erdendaseins zuzurechnen ist. Allein, entgegen allen Erwartungen entpuppt sich dieser Sumpf als ein Sprungbrett, das uns fast wieder an die Himmelspforte der ersten Station zurückkatapultiert - aber eben nur fast. Sind die Glasperlen halt erst einmal durcheinander und in den Dreck gefallen, so kriegt man sie nicht mehr ins Reine. Oder, um es in mehr erkenntnistheoretischen Termini zu bezeichnen: Überschreitet unser Nichtwissen erst einmal die Grenzen der zweiwertigen Logik, so gibt es für unser logisches Raisonnieren keine Gewissheiten mehr. Widersprüche und Ungereimtheiten werden fortan unser Schicksal sein.

Auf der dritten Station unseres Abstiegs kommt es noch schlimmer. Bei Michael_Gails Text über "Kommunikation und Hintergrund - Wieso verstehen wir uns überhaupt?" verstehen wir überhaupt nichts mehr - zumindest können wir uns nicht mehr sicher sein, ob und was wir verstehen. Hinsichtlich unserer Kommunikation nehmen wir im allgemeinen an, dass Sätze und Aussagen, die wir oder andere formulieren, einen Sinn haben, den wir zudem auch noch halbwegs zutreffend zu erfassen glauben oder zumindest erfassen zu können glauben. Doch hier wird es "hintergründig" im wahrsten Sinne des Wortes. In der platonisch-mathematischen Sphäre der ersten Station ist jeder Begriff ganz klar umrissen, und er reflektiert zugleich die Idee des Gemeinten. Metaphorik und Mehrdeutigkeit haben hier keinen Platz. Hier auf der dritten Station haben wir es - anders als auf Station 2 - zwar durchweg mit klar definierten Begriffen zu tun; diese können und müssen allerdings vor unterschiedlichen Hintergründen verschieden interpretiert werden. Um einander zu verstehen, muss daher nicht mehr nur der Begriff, sondern auch noch der Hintergrund klar sein - was angesichts der Vielfalt denkbarer Hintergründe wechselseitiges Verstehen eigentlich zu einem Wunder werden lässt.

Und auf der vierten Station kommt es ganz dick. Verstoßen aus allen Paradiesen der Logik und der Kommunikation überkommt uns auch noch - der Eros. Nun ist das ja eigentlich eine Erlösung von aller erkenntnistheoretischer Schmach und kommunikativer Fron und ein Grund zur Freude, denn Herr Eros ist ja vielleicht in der Lage, uns einen anderen - womöglich aufregenderen - Himmel als den der Erkenntnis und des begrifflichen Verstehens zu öffnen. Doch leider ist auch der Weg in diesen Himmel heikel und tückisch. Er beginnt - und endet leider allzu oft auch - mit dem Flirt. Claudia_Althaus hat einen Text über den Flirt verfasst, an dem sie das Flirten als typisches Beispiel einer praktischen Situation des Angewandten Nichtwissens demonstrieren wird. Claudia Althaus selbst ist heute leider nicht dabei, aber sie hat einen Vorleser als Ersatz geschickt.

Das, was bisher als ein Abstieg geschildert wurde, hat aus einer anderen Perspektive natürlich den Charakter eines Aufstiegs. Wir beginnen mit abstrakten Logeleien und nähern uns immer mehr den wahren, praktischen Problemen des Lebens. Seien wir ehrlich: Mathematische, logische oder kommunikative Probleme verblassen doch angesichts der zentralen Frage des Lebens - wie der Hans zur Grete kommt oder zu wem auch immer. Als Institut für Angewandtes Nichtwissen liegt uns natürlich viel an der Umsetzung und am Sichtbarmachen unserer Konzepte im Alltag. Als (Pseudo-)Wissenschaftler müssen wir all dem natürlich eine theoretische Basis verschaffen, und einige Aspekte dieser theoretischen Basis, die sich im Kern auf den die Schwierigkeiten im Umgang mit schwammigen Begriffen reduzieren lässt, werden wir heute hier diskutieren. Anwendungsbeispiele fallen einem, wenn man nur erst einmal ein Gespür für Nichtwissen entwickelt hat, zahlreich ein. Den Umgang zu erlernen, das ist dann die Kunst des Angewandten Nichtwissens.

 

Schluss

Lassen Sie uns, um mit Horst Hrubesch zu sprechen, noch einmal "Paroli passieren", was wir hier durchgemacht haben: Am Anfang - in den himmlischen Sphären - waren die Begriffe, ihre logischen Beziehungen und ihre Kommunizierbarkeit klar. Angewandtes Nichtwissen trat eigentlich nicht auf, es gab bestenfalls ungelöste Probleme. Dann wurden die Begriffe unklar, es wurden "ungewusste" Begriffe eingeführt. Mit der Unklarheit der Begirffe gerieten auch ihre logischen Beziehungen ins Schwimmen -- was dann bestimmte Probleme unlösbar machte, zumindest wenn man Lösbarkeit in den herkömmlichen Dimensionen definiert. Aber immerhin wussten wir noch, worüber wir redeten. Danach, im dritten Teil wurde dann klar, dass selbst dies womöglich auch eine Illusion ist, zumindest aber auf oft fragwürdigen Annahmen beruht. Da hatten wir den Salat: keine klaren Begriffe, keine klare Logik, gegenseitige Verstehbarkeit nicht gewährleistet. Und dann schlägt auch noch das Schicksal zu und bürdet uns alle möglichen Lebenssituationen auf, die - selbst bei klaren Begriffen und guten gegenseitigem Verstehen - nur schwerin den Griff zu bekommen sind. Und irgendetwas muss man dann tun. Und das, was man dann tut, nennen wir Angewandtes Nichtwissen. Vornehm umschreiben wir es als das Handeln auf der Grundlage nicht-beliebiger, aber auch nicht-objektivierbarer Begriffe und Vorstellungen. Etwas banaler heißt es aber: Wir flattern aller begrifflichen oder kommunikativen Sicherheiten beraubt hilflos im Raum herum und sind dabei dennoch durch die berühmten Sachzwänge oder durch Trieb und Lust dazu verdammt, irgendetwas tun zu müssen - sonst sind der Hans oder die Grete weg oder gar beide.

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