Angewandtes Nichtwissen ‑
Voraussetzung für neues Wissen?
von
FLORIAN HABERMANN*
Abstract: Um ihre Zukunftsfähigkeit zu sichern, muss eine moderne Gesellschaft ständig neues Wissen generieren. Dieser Text untersucht im Rahmen der Ökologie des Wissens, wie neues Wissen entstehen kann: aus bereits vorhandenem Wissen, aus Nichtwissen und aus Angewandtem Nichtwissen. Hierbei wird insbesondere die Bedeutung des Angewandten Nichtwissens als anwendungsorientierte Theorie herausgearbeitet.
Wir leben im Zeitalter des Wissens, in der so genannten Wissensgesellschaft. Bildung, Innovation, Information, Forschung – das sind die Schlagworte, die in der Presse unsere Zukunftsfähigkeit beschreiben. Die Forderung, den hiesigen Forschungsstandort und damit die Generierung von neuem Wissen zu stärken, führt zu der Frage, wie denn eigentlich neues Wissen entsteht: Aus vorhandenem Wissen? Aus noch nicht vorhandenem Wissen, also Nichtwissen? Und: Welche Rolle spielt bei der Entstehung von neuem Wissen das Angewandte Nichtwissen?
Ökologie
Um die Rolle des Angewandten Nichtwissens als mögliche Voraussetzung für neues Wissen zu identifizieren, ist zunächst zu klären, was Wissen überhaupt bedeutet und wie die Wissenschaft das Wissen sowie das Entstehen von neuem Wissen sieht. Die Ökologie des Wissens nach Kirsch[1] beschäftigt sich unter anderem mit diesen beiden Fragen. Was bedeuten nach Kirsch Ökologie und Wissen? Ökologie – der Terminus ist bereits 1866 von Haeckel eingeführt worden[2] – definiert sich als Wissenschaft, die die Wechselbeziehungen zwischen Organismen untereinander und mit ihrer Umwelt beschreibt. In einem Organismus bewegen sich verschiedene Akteure: Personen, die eine aktive Rolle in einem System einnehmen oder aber auch passiv in dem Sinne sind, dass sie das System und ihre Umwelt beobachten. Ein System beschreibt nun nach Kirsch einen geschlossenen, abgrenzbaren Bereich, z.B. eine Clique, eine gesellschaftliche Gruppierung oder ein Unternehmen. Die Ökologie betrachtet demnach einzelne Systeme und die sich darin befindlichen Akteure und deren Handlungen. Die einzelnen Systeme sind durch die Handlungen der Akteure veränderlich. Da Systeme Teil eines übergeordneten Systems sein können, haben Veränderungen in einem Teilsystem Auswirkungen auf das übergeordnete System.
Wissen
Nach der recht klaren Definition von Ökologie stellt sich die Definition von Wissen als wesentlich schwieriger heraus. Nach Überlegungen der Entscheidungstheorie[3] kann zunächst zwischen primärem und sekundärem Wissen unterschieden werden. Das primäre Wissen bezieht sich auf das Wissen selbst: Werden die Farben blau und gelb gemischt, entsteht die Farbe grün. Mit sekundärem Wissen ist dagegen ein mit dem jeweiligen „gesicherten“ Wissen verbundenes subjektives Wissen gemeint: Jedes Subjekt hat sich durch persönliche Erfahrungen sein eigenes Wissen geschaffen. So weiß ein Künstler, der ein Bild malt, aus seiner langjährigen Berufserfahrung, welche Farbmischung er nehmen muss, um genau einen bestimmten Grünton zu treffen. Auch wird er mit dieser Farbe etwas verbinden – weil er sie schon in anderen Werken benutzt hat. Einer Person, die zum ersten Mal zum Pinsel greift, fehlt diese Erfahrung.
Luhmann versteht unter Wissen „das Gesamtresultat struktureller Kopplungen des Gesellschaftssystems“.[4] Ein System, also z.B. ein Unternehmen, besteht aus einem Wissenspool: zum einem aus dem primären Wissen, zum anderen aber insbesondere aus dem sekundären Wissen. Dieses wird von Luhmann als implizites Wissen eines Systems bezeichnet: Das implizite Wissen hält ein System zusammen und grenzt es von anderen Systemen ab. Wenn jedes kleine System sein eigenes implizites Wissen hat, ist offensichtlich, dass sich Systeme genau in diesem unterschiedlichen impliziten Wissen differenzieren. Es entsteht eine Grenze zwischen unterschiedlichen Systemen, die nicht ohne weiteres überschritten werden kann. Eine Möglichkeit zur Überschreitung der Grenze ist die Kommunikation. Durch Kommunikation werden die Systeme miteinander verbunden, gekoppelt. Werden alle Systeme mit ihrem individuellen impliziten Wissen zusammengefasst und durch Verfahrensweisen wie Kommunikation gekoppelt, entsteht ein übergeordnetes System, „das Gesamtresultat struktureller Kopplungen des Gesellschaftssystems“.[5]
Kirsch fasst den Begriff des Wissens nun in seiner Ökologie des Wissens in einem weiten Sinne auf. Der eben beschriebene Versuch einer Definition von Wissen wird um „Vorstellungen“ erweitert, die noch nicht konkretisiert sind in dem Sinne, dass eine Beurteilung bzgl. ihrer Richtigkeit noch nicht erfolgt ist. Unter Vorstellungen können Ideen, Gedanken, aber auch Äußerungen und Handlungen verstanden werden. Vorstellungen haben nach allgemeinem Verständnis aber nichts mit Wissen im Sinne von gesicherten Fakten zu tun.[6] Kirsch vertritt hier eine konstruktivistische Position: Diese widerspricht der landläufigen Meinung, Wissen sei gleichzusetzen mit Wahrheit. Um nämlich Wissen als eindeutig wahr oder falsch bestimmen zu können, ist es notwendig, sich neues Wissen anzueignen. Nur aus einer übergeordneten Ebene kann Wissen nach seinem Wahrheitsgehalt beurteilt werden. Sobald aber ein Individuum diese übergeordnete Ebene betritt, ändert sich sein Wissenspool. Für die Definition von Wissen hat dies zur Folge, dass letztendlich Wissen nicht definierbar ist: Die Definition des Begriffs „Wissen“ verändert wiederum das Wissen selber, da die Definition Bestandteil des Wissens wird. Somit ist die Definition schon wieder nicht vollständig.[7] Dieser Vorgang wird als Selbstbezüglichkeit bezeichnet.
Ökologie des Wissens
Fügt man Ökologie und Wissen zur Ökologie des Wissens zusammen und beachtet die letzte Aussage, dass Wissen nicht definierbar ist, muss die Ökologie des Wissens[8] bereits alles Wissen beinhalten.[9] Das bedeutet nichts anderes, als dass nicht nur das Wissen, sondern das gesamte übergeordnete System mit all seinen Teilsystemen - die Ökologie des Wissens - wiederum die eben beschriebene Selbstbezüglichkeit aufweist. In letzter Konsequenz heißt dies, es gibt keinen außerhalb des Systems „Ökologie des Wissens“ stehenden Akteur. Seine Aussagen und Beschreibungen der Ökologie des Wissens sind nämlich in der selbigen als Teilmenge enthalten.[10] Eine Unterscheidung zwischen wahrem und falschem Wissen bezüglich des Systems der Ökologie des Wissens kann somit nicht getroffen werden. Die Ökologie äußert sich nunmehr in der Beziehung des Wissens der einzelnen Systeme untereinander, zwischen dem Wissen, dem Anwender des Wissens und dem Produzenten des Wissens sowie zwischen dem Wissen und der Realität.[11]
Wissen aus vorhandenem Wissen
Wie entwickelt sich neues Wissen? Die Grenzen zwischen unterschiedlichen Systemen lassen sich durch Kommunikation überwinden. Wie jeder aus eigener Erfahrung weiß, können innerhalb der Kommunikation Verständnisschwierigkeiten, Irritationen auftreten: Der Sprecher sagt etwas, der Angesprochene versteht es aber vollkommen anders, da er mit den Worten etwas ganz anderes verbindet. Wie oft spricht man in der Clique mit jemandem über ein gemeinsames Erlebnis nur dadurch, dass ein, zwei Worte ausreichen, und der andere weiß, worüber gesprochen wird. Auf die Nachfrage, was dies zu bedeuten habe, kommt dann meist die Antwort „Dies ist ein Insider“. Genauso könnte man sagen „Dies ist unser gemeinsames implizites Wissen“. Die darauf folgende Reaktion besteht in dem Versuch, das andere System zu verstehen. Dies kann nur gelingen, wenn implizites Wissen aus dem anderen System in das eigene System übertragen bzw. übersetzt werden kann. Genau diese Übersetzung ist problematisch: Die Beobachtung, dass das andere System ein anderes Wissen hat, ist schnell gemacht. Die Kommunikation über Beobachtungen dagegen ist schwierig: Sie kann nicht durch eine neutrale Sprache erfolgen. Das eigentliche neue Wissen entsteht nun genau durch diese Kommunikationsprobleme: ein System bzw. die Akteure eines Systems können auf die Kommunikationsschwierigkeiten, die sie beobachten, reagieren und versuchen, sie zu beheben.[12] Ein Beobachter kann durch eine bewusste Wahrnehmung seiner Beobachtung, durch die Aussagen, die er tätigt, um die Beobachtung zu beschreiben, neues Wissen für sich und sein System aus einem anderen System generieren. Hört man in der Clique also beispielsweise auf die Aussagen der sich im Insider-Jargon unterhaltenden Freunde, fragt nach, erfährt die Hintergrundgeschichte, so werden diese Aussagen selbst zu seinem eigenem, neuen Wissen.[13]
In der Ökologie des Wissens wird das Entstehen von neuem Wissen explizit berücksichtigt:
„Man betrachtet den nie endenden „Kreislauf“ der Produktion, Kommunikation und Verwendung von Wissen, wobei sich in jeder „Verwendung“ wiederum eine Neuproduktion von anderem Wissen niederschlägt.“[14]
Neues Wissen kann demnach durch bereits vorhandenes Wissen entstehen. Kann Wissen aber nicht insbesondere auch aus Nichtwissen entstehen?
Wissen aus Nichtwissen
Zunächst: Was ist eigentlich Nichtwissen?[15] Nach den bisherigen Ausführungen liegt es auf der Hand, Nichtwissen als Abweichung von wahrem Wissen zu bezeichnen. Wie bereits skizziert, ist es allerdings problematisch, von wahrem Wissen zu sprechen. Nichtwissen sollte explizit als Kehrseite von Wissen, als eine andere Seite einer Unterscheidung und somit als eigenständig betrachtet werden.[16]
Wie könnte diese Unterscheidung besser beschrieben werden? Dazu kann auf den von Vickers geprägten Begriff der „Ökologie der Ideen“ und den von Luhmann eingeführten Begriff der „Ökologie des Nichtwissens“ zurückgegriffen werden. Die Ökologie der Ideen steckt einen Rahmen ab, der aus einer momentanen Perspektive, aus der Lebenswelt der Akteure vorstellbar ist. Keine Beachtung finden aber die so genannten „blinden Flecken“ oder „unmarked spaces“[17] in den vorstellbaren Ideen, d.h. solche Ideen, die aus unserem heutigen Wissensstand noch gar nicht beschreibbar sind. Wer hätte vor hundert Jahren etwas mit dem Begriffen „Internet“ oder „googlen“ anfangen können? Geschweige denn, wer hätte sich vorstellen können, dass es diese jemals geben wird? Bezieht man nun die Ökologie des Nichtwissens von Luhmann in die Ökologie der Ideen mit ein, können die blinden Flecken beseitigt werden.[18] Die blinden Flecken beschreiben nämlich genau das Nichtwissen, das noch nicht in unseren Vorstellungen, in unseren Ideen enthalten ist. Luhmann bezeichnet diese Art von Nichtwissen als unspezifiziertes Nichtwissen. Das unspezifizierte Nichtwissen führt zu so genannten katastrophischen Risikokonstruktionen, also Konstruktionen, die zu einem „Totalschaden“ führen können. Da Individuen bestimmte Sachen nicht wissen und ihnen vor allem nicht bewusst sind, können sie auch deren Folgen nicht abschätzen. Anders verhält es sich mit dem weiterhin in der Ökologie des Nichtwissens berücksichtigten und von Japp so unterschiedenen spezifischen Nichtwissen. Spezifisches Nichtwissen, also bereits relativ konkretes, erkanntes und vor allem bewusstes Nichtwissen, transformiert Nichtwissen in Wissen. Im spezifischen Nichtwissen kann weiterhin nach bereits spezifiziertem Nichtwissen, also Nichtwissen, das bereits identifiziert und benannt ist, und nach spezifizierbarem Nichtwissen, also Nichtwissen, das noch nicht entdeckt ist, aber potentiell aufgedeckt werden kann, differenziert werden. Durch spezifiziertes Nichtwissen, das temporären Charakter aufweist, und ihre Umwandlung in Wissen wird ein Erkenntnisfortschritt, ein Erkenntnisgewinn erzielt.[19]
Auch aus Nichtwissen wird demnach neues Wissen generiert. Die interessante Frage, die sich nun stellt, lautet aber: Wird auch aus Angewandtem Nichtwissen neues Wissen gewonnen?
Wissen aus Angewandtem Nichtwissen
Das Angewandte Nichtwissen stellt explizit das Nichtwissen und seine mögliche Verwendung heraus. Es verknüpft Theorie und Praxis: Durch den bewussten Umgang mit Nichtwissen im Alltag sollen die theoretischen Abhandlungen über das Nichtwissen in der Praxis zur Anwendung kommen. Allein der Name Angewandtes Nichtwissen suggeriert bereits den Praxisbezug und die damit verbundene Möglichkeit, durch die Anwendung von Nichtwissen neues Wissen zu generieren. Ist diese Suggestion richtig?
Das Angewandte Nichtwissen ist zunächst abzugrenzen von Unwissenheit und moralischen Defiziten. Unwissenheit sagt zunächst aus, dass wir nicht wissen, was wir tatsächlich tun. Die Folgen einer Entdeckung oder einer Handlung können nicht oder nur partiell eingeschätzt werden, so „daß sich die scheinbar gefahrlose Anwendung von Wissen in ihrer Durchführung als Unwissenheit entpuppt.“[20] Unwissenheit umschreibt demnach etwas, wovon wir keine Kenntnis haben und weswegen wir gleichzeitig keinen Mangel empfinden, wofür wir also kein Bewusstsein entwickelt haben.[21] Wird Nichtwissen angewandt, das ex ante risikobehaftet ist, muss eine Risikoabwägung erfolgen.[22] Nichtwissen in der Bedeutung von Angewandtem Nichtwissen impliziert die Erkenntnis über den Mangel an Wissen.[23] Der Mensch weist moralische Defizite auf: Er erkennt in zunehmendem Maße die negativen Folgen seines Handelns, d.h. er erhöht seine Einsichtsfähigkeit. Gleichzeitig aber, so scheint es, handelt der Mensch in abnehmendem Maße nach dieser Einsicht. Als letzte Konsequenz muss ein apokalyptisches Fazit gezogen werden. Um die Apokalypse hinauszuzögern oder gar aufzuhalten, sollte sich der Mensch seinen Mangel an Wissen, der zu negativen Folgen von Handlungen führen kann, eingestehen und bewusst das Wissen um das Nichtwissen anwenden. So können negative Folgen vermieden oder zumindest abgeschwächt werden.[24]
Angewandtes Nichtwissen[25] wird weiterhin definiert „als Umgang mit nicht-objektivierbaren, aber dennoch nicht beliebigen Begriffen oder Vorstellungen.“[26] Ein Begriff ist nicht-objektivierbar, wenn er nicht eindeutig beschrieben werden kann bzw. lediglich dadurch beschrieben wird, was er nicht ist. Auf Grundlage dieses vage umrissenen Begriffes folgt eine Entscheidung, die Konsequenzen nach sich zieht. Im Moment der Entscheidung ist sich der Entscheider unsicher, da er seine Entscheidung auf Basis eines Nichtwissens-Pool trifft. Dieser beschriebene Prozess ist selbst wiederum ein Vorgang Angewandten Nichtwissens.[27] Letztendlich kann aber nur durch die konsequente Anwendung von Nichtwissen, durch das Treffen von Entscheidungen auf Basis von Nichtwissen neues Wissen entstehen. Somit kann aufgrund eines Prozesses logischer Schlussfolgerungen aus Nichtwissen neues Wissen entstehen und Nichtwissen als „produktiver Zustand“[28] umschrieben werden.[29]
Welche Techniken zur Generierung von neuem Wissen stellt das Angewandte Nichtwissen zur Verfügung?
Im Angewandten Nichtwissen werden als Formen des Nichtwissens das begriffsbezogene, das vorstellungsbezogene und das wahrnehmungsbezogene Nichtwissen unterschieden, aus denen unterschiedliche Techniken zur Anwendung entwickelt werden. Unter begriffsbezogenem Nichtwissen werden Begriffe mit ungewissem Inhalt, mit mehreren Bedeutungen, mit Spielraum bei der Festlegung des Kerns der Bedeutung, schwammige Begriffe sowie der Logik widerstrebende Begriffe verstanden. Der vorstellungsbezogene Begriff beschreibt Probleme der Objektivierbarkeit von Vorstellungen einzelner Individuen. Das wahrnehmungsbezogene Nichtwissen befasst sich mit den Problemen fehlenden Wissens bezogen auf die Wirklichkeit. Angewandtes Nichtwissen ist bewusst als anwendungsorientiertes Denken konzipiert worden. Eine Technik im Umgang mit dem Nichtwissen ist ein Wechsel des Blickwinkels mittels eines Rollentausches. Das Auffinden von „Richtigkeit“ durch geregelte Verfahren, d.h. die Entscheidung in einer umstrittenen Angelegenheit wird an eine dritte Person übertragen, stellt eine weitere Technik dar. In der Anwendung von Black-box-Lösungen werden die eigenen „Scheuklappen“ aufgebrochen, indem andere Systeme, andere Strukturen oder Lösungsansätze auf das eigene Problem übertragen werden. Weiterhin sind das Hören auf seine eigene Intuition oder auch Vertrauen in seine Umwelt bzw. ein Misstrauen im Hinblick auf bestehendes Nichtwissen als Techniken des Angewandten Nichtwissens zu nennen.[30]
Werden die Techniken des Angewandten Nichtwissens eingesetzt, kann damit nicht nur der Umgang mit Nichtwissen wesentlich erleichtert werden, nein, auch führt die Verwendung der Techniken zu neuem Wissen. Die Verbindung von Theorie und Praxis kann gelingen. Aus Nichtwissen kann also Wissen entstehen – insbesondere aus dem Angewandten Nichtwissen. Die Suggestion entpuppt sich demnach nicht als Illusion, sondern erweist sich als richtig.
Fazit
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass neues Wissen aus drei Quellen entstehen kann: aus bereits vorhandenem Wissen, aus Nichtwissen und aus Angewandtem Nichtwissen. Ziel der Menschheit sollte es insbesondere sein, apokalyptische Szenarien aufzuhalten oder hinauszuzögern. Es ist insbesondere wichtig, neues Wissen aus Nichtwissen zu generieren. Die Techniken des Angewandten Nichtwissens sind hierbei eine unumgängliche Unterstützung.
Aufgrund der Überlegungen und der hohen Bedeutung des Nichtwissens – nur eine ständige Produktion von Wissen aus Nichtwissen bringt die Gesellschaft voran – sollte in der heutigen Zeit konsequenterweise nicht von Wissensgesellschaft,[31] sondern von Nichtwissens-gesellschaft gesprochen werden.
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* Der Autor dankt Prof. Dr. Dres. h.c. Werner Kirsch und Prof. Dr. Reiner Leidl sowie den Teilnehmern des postgradualen Studiengangs Master of Business Research (MBR) an der Fakultät für Betriebswirtschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München, in dessen Rahmen diese Überlegungen entstanden sind. Weiterhin gilt mein besonderer Dank Caroline Lerch, M.A. für ihre kritischen Anmerkungen und Textkorrekturen.
[1] Werner Kirsch ist Vorstand des Instituts für Unternehmenspolitik und strategische Führung der Fakultät für Betriebswirtschaft an der Ludwig-Maximilans-Universität München (siehe auch www.strategic-management.de). Außer mit Fragen der Unternehmenspolitik und strategischen Führung von Unternehmen beschäftigt er sich insbesondere mit betriebswirtschaftlicher und organisationstheoretischer Grundlagenforschung. In diesem Rahmen hat er die Evolutionäre Organisationstheorie entwickelt, deren Kernstück eine Ökologie des Wissens bildet. Vgl. z.B. Kirsch (1997a).
[2] Haeckel versteht unter Ökologie „die gesamte Wissenschaft von den Beziehungen des Organismus zur umgebenden Außenwelt, wohin wir im weiteren Sinne alle ‚Existenzbedingungen’ rechnen können“. Haeckel (1866), S. 286, zitiert in Huber (1989), S. 58.
[3] Die klassische Entscheidungstheorie beschäftigt sich mit Situationen, in denen ein Entscheider zwischen verschiedenen Aktionen wählen kann, die – abhängig von der Situation, in der er sich befindet – zu unterschiedlichen Ergebnissen führen. Zur Entscheidungstheorie vgl. unter anderem Bamberg und Coenenberg (2004), Kirsch (1997c) und Laux (2005).
[4] Luhmann (1990), S. 163.
[5] Luhmann (1990), S. 163.
[6] Vgl. Kirsch (1997a), S. 318, Fußnote 186.
[7] Vgl. dazu ausführlich Luhmann (1990), S. 167-270.
[8] Der Begriff geht auf Vickers (1968) zurück, der die „ecology of the ideas“ in die Sozialwissenschaft eingeführt hat. Er erweitert sie mit der „ecology of the conceptual World“. Vgl. Vickers (1968), S. 3-70 und S. 173.
[9] Vgl. Kirsch (1997a), S. 318.
[10] Vgl. Kirsch (1997a), S. 365 und Schink (1997), S. 58-62.
[11] Kirsch spricht von Idee und nicht von Wissen. Allerdings ist der Begriff „Idee“ in seiner Definition von Wissen enthalten. Die Begriffe „Idee“ und „Wissen“ können somit synonym verwendet werden, auch wenn später hierzu noch einmal eine explizite Unterscheidung getroffen werden muss. Vgl. Kirsch (1997a), S. 363-366 und S. 318, Fußnote 186.
[12] Vgl. Luhmann (1990), S. 122-166.
[13] Vgl. Kisch (2003), S. 127-128.
[14] Kirsch (1997b), S. 25.
[15] Bereits in der Antike ist das Nichtwissen diskutiert. Platons Paradoxon der Eristiker besagt, dem Menschen sei es unmöglich zu forschen, da er nach dem, was er weiß, nicht mehr forschen brauche und nach dem, was er nicht weiß, nicht forschen könne, da er nicht wisse, wonach er forschen solle. Sokrates antwortete darauf mit dem Begriff der anamnesis. Danach ist Lernen ein Wiedererinnern. Der Mathematiker Johannes von Kries legt für die Betrachtung des Nichtwissens, aufbauend auf den Begriff des Spielraums von Kant, weitere Grundlagen. Für einen ausführlichen historischen Überblick vgl. von Wolzogen (2003).
[16] Vgl. Japp (1999), S. 25.
[17] Dieser Begriff geht auf Spencer-Brown zurück, zitiert in Luhmann (1992), S. 155, Fußnote 7.
[18] Vgl. Kernstock (1995), S. 182-183.
[19] Die Unterscheidung des gesicherten wissenschaftlichen Wissens von spezifischem Nichtwissen geht auf Merton (1987), zitiert in Japp (1999), S. 27-28 zurück.
[20] Althaus (1992), S. 5.
[21] Vgl. Gail (2000), S. 4.
[22] Vgl. Althaus (1992), S. 6.
[23] Vgl. Gail (2000), S. 4.
[24] Vgl. Althaus (1992), S. 5-11.
[25] Abzugrenzen vom Angewandten Nichtwissen ist das nicht angewandte Wissen, unter dem die bewusste Unterschlagung von Wissen verstanden wird. Vgl. Gail (2000), S. 5.
[26] Althaus und Wagener (1998), S. 57
[27] Vgl. Hoppe (1994), S. 1-2.
[28] Althaus und Wagener (1998), S. 68.
[29] Beispiele geben Althaus und Wagener (1998).
[30] Die theoretische Konzeption des Angewandten Nichtwissens findet sich ausführlich in Elsner (2001).
[31] Zur Wissensgesellschaft vgl. beispielsweise Powell und Snellman (2004).