"Das wirkliche Geschehen in der Zeit ist der psychologische Akt, durch den wir sie denken, und zwar ist dies
ein realer Vorfall, eine tatsächliche Veränderung in der Abfolge der Augenblicke. Unser Wissen oder Nichtwissen
von ihnen ist das, was strenggenommen eine Geschichte hat. Gerade dies aber ist als Tatsache geheimnisvoll und beunruhigend, da es geschehen kann, daß wir mit einem unserer Gedanken, der nur transitorische, flüchtige
Wirklichkeit innerhalb einer im höchsten Grade flüchtigen Welt besitzt, etwas andauernd Beständiges und Überzeitliches zu fassen bekommen."
[José Ortega y Gasset, Was ist Philosophie?]
"Da wir nun die Wissenschaft suchen, müssen wir danach fragen, von welcherlei Ursachen und Prinzipien die Wissenschaft handelt, welche Weisheit sei. Nimmt man nun die gewöhnlichen Annahmen, welche wir über den Weisen haben, so dürfte vielleicht die Sache daraus eher deutlich werden. Wir nehmen nun erstens an, daß der Weise, soviel möglich, alles verstehe (erkenne), ohne dabei Wissen vom Einzelnen zu besitzen [...]"
[Aristoteles, Methaphysik, 982 a.]
"Was also ist die Zeit? Wenn niemand mich fragt, weiß ich es; wenn ich es
einem Fragenden erklären will, weiß ich es nicht."
[Arelius Augustinus, Was ist die Zeit? (Confessiones XI/Bekenntnisse 11).]
"Da nun überdies unser Verlangen nach Wissen nicht sinnlos ist, so wünschen
wir uns unter den angegebenen Umständen ein Wissen um unser Nichtwissen.
Gelingt uns die vollständige Erfüllung dieser Absicht, so haben wir die
belehrte Unwissenheit erreicht. Auch der lernbegierigste wird in der
Wissenschaft nichts Vollkommeneres erreichen, als im Nichtwissen, das ihm
seingemäß ist, für belehrt befunden zu werden. Es wird einer umso gelehrter
sein, je mehr er um sein Nichtwissen weiß."
[Nikolaus von Kues, Die belehrte Unwissenheit (De docta
ignorantia), Buch 1, Kapitel 1.]
"Allein auch dies ist nicht vollkommen, solange das Erkennen nicht seine höchste Weihe findet. Das Ziel alles Lebens ist die Erkenntnis Gottes. Aber Erkennen ist Sein, ist Lebens- und Seinsgemeinschaft mit dem Erkannten. Will die Seele Gott erkennen, so muß sie Gott sein, so muß sie aufhören, sie selbst zu sein. Nicht nur der Sünde und der Welt, auch sich selbst muß sie entsagen. Alles Wissen, alles Erkennen der Erscheinungen muß sie von sich abstreifen; wie die Gottheit »Nichts« ist, so wird sie auch nur in diesem Wissen des Nichtwissens - docta ignorantia nannte es später Nicolaus - erfaßt, und wie jenes »Nichts« der Urgrund aller Wirklichkeit, so ist auch dies Nichtwissen das höchste, seligste Schauen. Das ist nicht mehr ein Tun des Individuums, das ist das Tun Gottes im Menschen; er gebiert sich in die Seele hinein, und in seinem reinen, ewigen Wesen hat der »Funke« alle seine Kräfte zeitlicher Wirksamkeit abgestreift und ihren Unterschied ausgelöscht. Das ist der Zustand des übervernünftigen Erkennens, des Auslebens des Menschen in Gott, - der Zustand, von dem Nicolaus Cusanus sagte: es sei die ewige Liebe (charitas), welche durch Liebe (amore) erkannt und durch Erkenntnis geliebt wird."
[Windelband: Lehrbuch der Geschichte der Philosophie, S. 716. Die digitale Bibliothek der Philosophie, S. 742 (vgl. Windelband-Gesch., S. 281)]
"Jedes Wesen oder jede Washeit aber kann gedacht werden, ohne daß man etwas über sein (ihr) Sein weiß: ich kann nämlich wissen, was ein Mensch oder ein Phönix ist, und dennoch nicht wissen, ob er Sein im Reich der Wirklichkeit hat."
[Thomas von Aquin: Das Seiende und das Wesen, S. 32. Die digitale Bibliothek der Philosophie, S. 18794 (vgl. Thomas-Das Seiende, S. 49)]
"Denn es ist eine von den Hauptkrankheiten des Menschen, daß er eine unruhige Neugierde hat nach den Sachen, die er nicht wissen kann, und ich weiß nicht ob es für ihn nicht ein geringeres Uebel ist über Dinge dieser Art im Irrthum zu sein als in jener unnützen Neugierde zu schweben."
[Pascal: Gedanken über die Religion, S. 163. Die digitale Bibliothek der Philosophie, S. 19912 (vgl. Pascal-Gedanken, S. 197-198)]
"Alle Behauptungen über zukünftige Ereignisse (wie: »morgen wird es regnen« oder: »morgen wird die Sonne aufgehen«) sind notwendig wahr oder notwendig falsch. Aber da wir noch nicht wissen, ob sie wahr oder falsch sind, nennen wir sie möglich oder zufällig; doch ihre Wahrheit hängt nicht von unserm Wissen, sondern davon ab, daß die erforderlichen Ursachen da sind. Es gibt aber Leute, die zwar die Notwendigkeit dieses ganzen Satzes: »Morgen wird es regnen oder nicht regnen« zugestehen, aber dennoch bestreiten, daß seinen einzelnen Teilen (morgen wird es regnen, oder morgen wird es nicht regnen) Wahrheit zukomme, weil, wie sie sagen, keiner von beiden bestimmt wahr ist. Was heißt jedoch dieses »bestimmt wahr« anders als: erkenntnisgemäß, d.h. evident wahr? Daher sagen sie nur: man wisse noch nicht, ob die Behauptung wahr sei oder nicht, jedoch äußern sie sich etwas versteckter und verdunkeln mit denselben Worten, mit denen sie ihre Unkenntnis zu verbergen suchen, gleichzeitig die Evidenz der Wahrheit."
[Hobbes: Grundzüge der Philosophie, S. 170. Die digitale Bibliothek der Philosophie, S. 20910 (vgl. Hobbes-G1, S. 108-109)]
"Wer träumt, kann unmöglich, was erträumt, mit Vorstellungen vergangener Tatsachen wahrhaft verbinden, selbst wenn er träumt, es zu tun; wer leugnet denn, daß man im Schlaf sich irren kann? Erwacht man nachher, so erkennt man mit Leichtigkeit seinen Irrtum. Ein Atheist vermag sehr wohl aus der Erinnerung an sein früheres Leben schließen, daß er wacht; er kann aber nicht wissen, ob dieser Beweis ihm die hinreichende Sicherheit dafür gibt, daß er hierbei nicht doch irre, wenn er nicht weiß, daß er von Gott geschaffen ist, der nicht trügt."
[Hobbes: Grundzüge der Philosophie, S. 308. Die digitale Bibliothek der Philosophie, S. 21048 (vgl. Hobbes-G1, S. 183)]
"Das Gedächtniss ist nach dem Wahrnehmen das Unentbehrlichste für ein geistiges Wesen. Seine Bedeutung ist so gross, dass, wo es fehlt, die übrigen Seelenvermögen zum grossen Theile nutzlos werden, und man könnte ohne Gedächtniss beim Denken, Urtheilen und Wissen nicht über die den Sinnen gegenwärtigen Dinge hinausgehen. In dem Gedächtniss zeigen sich indess zwei Mängel; erstens, dass es eine Vorstellung ganz verliert und soweit vollkommenes Nicht-Wissen erzeugt; man kann nämlich die Dinge nur durch die Vorstellungen derselben kennen, und ist daher diese dahin, so ist man vollkommen unwissend; [...]"
[Locke: Versuch über den menschlichen Verstand, S. 235. Die digitale Bibliothek der Philosophie, S. 21819 (vgl. Locke-Versuch Bd. 1, S. 156)]
"Herr Bayle erwähnt eines schönen Ausspruchs des Cardinals Cajetan (I part. Sum. qu. 22. art. 4) in diesem Sinne: »Unser Geist,« sagt dieser, »findet Ruhe, nicht bei der Gewissheit der erkannten Wahrheit, sondern bei der unerforschlichen Tiefe der verborgenen Wahrheit. So sagt der heilige Gregorius, dass wer nur von der Gottheit das glaubt, was er mit seinem Geist ermessen kann, nach der Idee Gottes verlange. Man kann vielleicht manches von dem bestreiten, was wir wissen oder von dem wir sehen, dass es der Unveränderlichkeit, der Wirksamkeit, der Gewissheit, der allumfassenden Natur Gottes zukomme, indess giebt es hier wohl ein Geheimniss, entweder bei dem Verhältniss Gottes zu dem Ereigniss, oder bei dem, was das Ereigniss selbst mit Gottes Voraussicht verknüpft. Indem ich also erwäge, dass der Verstand unserer Seele nur das Auge einer Eule ist, finde ich seine Ruhe nur in seinem Nicht-Wissen. Es ist sowohl für den katholischen Glauben wie für den philosophischen Glauben besser, unsere Blindheit einzugestehen, als das für gewiss zu erklären, was unsern Geist doch nicht beruhigt, weil nur die wirkliche Gewissheit ihn beruhigt. Ich will deshalb allen jenen gelehrten Doktoren nicht Ueberschätzung vorwerfen, welche mit ihrem Stottern so viel sie konnten die Unveränderlichkeit und die oberste und ewige Wirksamkeit der Einsicht, des Willens und der Macht Gottes durch die Unfehlbarkeit seiner Wahl und das Verhältniss Gottes zu allen Ereignissen verständlich zu machen gesucht haben. Alles dies schwächt nicht meine Vermuthung, dass es eine Tiefe giebt, die uns verborgen ist."
[Leibniz: Die Theodicee, S. 109. Die digitale Bibliothek der Philosophie, S. 24768 f. (vgl. Leibniz-Theod., S. 68-69)]
"Philalethes. Eine ganz andere Schwierigkeit ist es, herauszubringen, ob ein bloß materielles Wesen denken kann oder nicht. Wir werden das vielleicht niemals auszumachen imstande sein, obgleich wir die Vorstellungen der Materie und des Denkens haben - aus dem Grunde, weil es uns unmöglich ist, durch die Betrachtung unserer eigenen Vorstellungen ohne die Offenbarung zu entdecken, ob nicht Gott irgend welchen nach seinem Willen geordneten materiellen Massen das Vermögen des Bewußtseins und Denkens verliehen, oder ob er nicht einer so geordneten Materie eine immaterielle denkende Substanz verknüpft und verbunden hat? Denn was unsere Begriffe angeht, so ist es für uns nicht schwerer, zu begreifen, daß Gott nach seinem Wohlgefallen unserer Vorstellung von der Materie das Denkvermögen hinzufügen kann, als zu fassen, daß er eine andere mit dem Denkvermögen begabte Substanz damit verknüpft hat, weil wir nicht wissen, worin das Denken besteht, und welcher Art von Substanz dies allmächtige Wesen solch ein Vermögen zu verleihen beliebt hat, das sich in einem geschaffenen Wesen nur auf Grund des freien Willens und der Güte des Schöpfers finden kann."
[Leibniz: Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand, S. 667 f. Die digitale Bibliothek der Philosophie, S. 26169 (vgl. Leibniz-Abh., S. 401)]
"Das Ich ist der absolute Grund alles Setzens. Dem Ich ist etwas entgegengesetzt, heißt also: es ist etwas gesetzt, was nicht durch das Ich gesetzt ist. Das Anschauende muß also im Angeschauten etwas (die Begrenztheit) finden, was nicht durch das Ich als Anschauendes gesetzt ist. (Es zeigt sich hier zuerst sehr deutlich der Unterschied zwischen dem Standpunkt des Philosophen und dem seines Objekts.) Wir, die wir philosophieren, wissen, daß das Begrenztsein des Objektiven seinen einzigen Grund im Anschauenden oder Subjektiven hat. Das anschauende Ich selbst weiß es nicht, und kann es nicht wissen, wie jetzt deutlich wird. Anschauen und Begrenzen ist ursprünglich Eins. Aber das Ich kann nicht zugleich anschauen und sich anschauen als anschauend, also auch nicht: als begrenzend."
[Schelling: System des transzendenten Idealismus, S. 112. Die digitale Bibliothek der Philosophie, S. 31342 (vgl. Schelling-WBd. 2, S. 77)]
"Es kann bemerkt werden, daß sich hier der Sinn des Dings-an-sich ergibt, das eine sehr einfache Abstraktion ist, aber eine Zeitlang eine sehr wichtige Bestimmung, gleichsam etwas Vornehmes, so wie der Satz, daß wir nicht wissen, was die Dinge an sich sind, eine viel geltende Weisheit war. - Die Dinge heißen an- sich, insofern von allem Sein-für-Anderes abstrahiert wird, das heißt überhaupt, insofern sie ohne alle Bestimmung, als Nichtse gedacht werden. In diesem Sinn kann man freilich nicht wissen, was das Ding an-sich ist. Denn die Frage Was? verlangt, daß Bestimmungen angegeben werden; indem aber die Dinge, von denen sie anzugeben verlangt würde, zugleich Dinge-an-sich sein sollen, das heißt eben ohne Bestimmung, so ist in die Frage gedankenloserweise die Unmöglichkeit der Beantwortung gelegt, oder man macht nur eine widersinnige Antwort."
[Hegel: Wissenschaft der Logik, S. 176. Die digitale Bibliothek der Philosophie, S. 32795 (vgl. Hegel-W Bd. 5, S. 129-130)]
"O sancta simplicitas! In welcher seltsamen Vereinfachung und Fälschung lebt der Mensch! Man kann sich nicht zu Ende wundern, wenn man sich erst einmal die Augen für dies Wunder eingesetzt hat! Wie haben wir alles um uns hell und frei und leicht und einfach gemacht! wie wußten wir unsern Sinnen einen Freipaß für alles Oberflächliche, unserm Denken eine göttliche Begierde nach mutwilligen Sprüngen und Fehlschlüssen zu geben! - wie haben wir es von Anfang an verstanden, uns unsre Unwissenheit zu erhalten, um eine kaum begreifliche Freiheit, Unbedenklichkeit, Unvorsichtigkeit, Herzhaftigkeit, Heiterkeit des Lebens, um das Leben zu genießen! Und erst auf diesem nunmehr festen und granitnen Grunde von Unwissenheit durfte sich bisher die Wissenschaft erheben, der Wille zum Wissen auf dem Grunde eines viel gewaltigeren Willens, des Willens zum Nicht-wissen, zum Ungewissen, zum Unwahren! Nicht als sein Gegensatz, sondern - als seine Verfeinerung!"
[Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse, S.44. Die digitale Bibliothek der Philosophie, S. 44014 (vgl. Nietzsche-WBd. 2, S. 589)]
"Viele hervorragende Männer haben unter Beseitigung aller Hindernisse und unter Verzicht auf Reichtum, Amtstätigkeit und Vergnügungen bis in das höchste Alter all ihr Bemühen einzig darauf gerichtet, leben zu lernen. Doch ist die Mehrzahl derselben mit dem Geständnis aus dem Leben geschieden, noch hätten sie es nicht zu dieser Kenntnis gebracht. Wie sollten also jene anderen sich darauf verstehen."
[Seneca, Von der Kürze des Lebens.]
"Zwei Dinge sind unendlich: Das Universum und die Menschliche Dummheit. Aber
beim Universum bin ich mir nicht ganz sicher."
[Albert Einstein, dt.-am. Physiker, 1879-1955]
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